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Jutta Treiber

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Jutta Treiber

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(aus: Liebe und andere Ungereimtheiten)








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Jutta Treiber

FESTREDE zur WIEDERERÖFFNUNG des KINOS am 29. April 2015

Manchmal muss man ein bisschen unsichtbar werden, damit man gesehen wird ...

Manchmal muss man ein bisschen zurücktreten, um einen neuen Anlauf nehmen zu können ...

Oder – wie ein Journalist schreibt: Man muss schon ein bisschen durchgeknallt sein, um ein altes Kino wieder aufleben zu lassen ...

Unsichtbar werden – wir sind es jetzt für fast zwei Jahre gewesen, wenn auch nicht ganz. Denn unser Kulturprogramm ist ja ungebrochen weitergegangen ...

Aber: Wir haben eine Pause gemacht – eine Pause vom normalen Filmbetrieb. Und viele Menschen haben in dieser Zeit gemerkt – es fehlt etwas in der Stadt. Gründe für die Pause gab es genug:

Nach 25 Jahren tagtäglicher Kinoarbeit hatte unser Sohn Oliver echte Ermüdungserscheinungen. Was kein Wunder ist. Beim Kino gibt es kein freies Wochenende, keine Weihnachtsferien, keine Osterferien und kaum jemals einen Urlaub.

Der zweite Grund war die schlechte Geschäftslage in den letzten drei Jahren vor der Pause. Die beiden Cineplexxe in Mattersburg und Oberwart haben uns schwer zugesetzt. Unser Kino war defizitär. Das heißt, wir haben noch eine Menge Privatgeld hineingepumpt, damit der Betrieb aufrechterhalten werden konnte – und Oliver dort seine 80 Stunden pro Woche arbeiten „durfte“.

Und der dritte Grund war die anstehende – ziemlich teure – Digitalisierung, die wir zum damaligen Zeitpunkt nicht auf uns nehmen wollten.

ABER: Wir sind eine Kinofamilie. Mein Großvater Michael Klemm gründete das Kino hier in OP im Jahr 1926. Nach seinem Tod führte es meine Großmutter Theresia Klemm, danach meine Tante Margarete Pini – und meine eigene Mutter Therese Supper arbeitete mit. Im Jahr 1976 übernahm mein Mann Joe Treiber die Geschäftsführung und ich arbeitete mit, und im Jahr 1996 übernahm unser Sohn Oliver das Kino. 1997 haben wir die zwei kleinen Säle dazu gebaut, der Betrieb lief die nächsten zehn Jahre sehr gut, bis eben dann die vorher genannten Probleme auftauchten.

Aber – einmal Kinofamilie, immer Kinofamilie.

Wir sind nicht davon losgekommen.

Haben überlegt. Die Dinge hundertmal hin und her gewälzt. An einem neuen Konzept gearbeitet. Haben uns in den Kulturbetrieb eingearbeitet. Insgesamt 80 Kulturveranstaltungen hat es in dieser Pausenzeit gegeben: Nicht alles haben wir selbst veranstaltet. Wir haben gute Partner - zum Beispiel die Kulturvereinigung Oberpullendorf, aber auch viele andere - und vieles veranstalten wir selbst.

So gab es in diesen fast zwei Jahren Pause ungefähr 20 Film-vorführungen, sechs Kabarettprogramme, acht Konzerte, fünf Tanzvorführungen, drei Vorträge, zehn Theateraufführungen des englischen Schultheaters und an die 30 Lesungen bzw. Buchpräsentationen. Seit 2009 veranstalte ich hier mein eigenes Lesefestival „Sommer erlesen“, das vom Publikum sehr gut angenommen wurde. Wir gehen heuer in die siebente Saison.

Dieses Kulturprogramm im Kino1, im großen Saal, der jetzt Kultursaal heißt, soll weitergehen. Bei den Live-Auftritten möchten wir gerne heimischen bzw. noch nicht ganz bekannten Künstlern eine Bühne geben. Die ganz großen Namen können wir uns – als nicht subvenionierter Kulturbetrieb - sowieso nicht leisten. Aber das sehen wir auch nicht als unsere Aufgabe an.

In den vergangenen vier Monaten haben wir das alte Kinogebäude komplett saniert. Das Foyer, die Toiletten, den ersten Stock mit der Künstlergarderobe. Einen neuen lichtstarken Beamer installiert, eine neue Mikrophonanlage, eine Zusatzheizung.

Aber das Wichtigste: Ab jetzt gibt es wieder einen ganz normalen Kinobetrieb. Wir haben – trotz Forderung - unter ziemlichem eigenem finanziellen Aufwand - die zwei kleinen Kinosäle digitalisiert. Und können Ihnen nun alles bieten, was auf dem Filmsektor gut und groß und gefragt und international ist. Das Hauptaugenmerk soll auf dem guten Film liegen. Gute Filme für Erwachsene, gute Filme für Kinder. Natürlich auch in 3 D. Filmkultur international.

Wir planen vorerst vier Spieltage. Immer Donnerstag bis Sonntag. An den anderen Tagen können Sie ja zum Beispiel zu Michis Heurigen gehen, den die Freundin unseres Sohnes betreibt, oder in die Salzgrotte, die unser Neffe betreibt. Oder zu einem der Events, die unser Schwiegersohn Klaus „Nick“ Wukovits veranstaltet.

Während des Umbaus sind uns oft arge Zweifel angesprungen. Ist es wirklich gut, was wir da tun? Hat das alles überhaupt eine Chance? Einen Sinn? Manchmal waren wir verzweifelt, besonders als wir die neue Technik zu begreifen versuchten – und uns so deppert vorkamen, als stünden wir nicht vor einem spanischen Dorf, sondern vor einer spanischen Metropole.

Hätten wir es nicht leichter gehabt, haben wir uns immer wieder gefragt, wenn wir ganz einfach Schluss gemacht hätten. Und irgendwo in Griechenland .. Sie wissen, was ich meine ...

Glauben Sie mir, wir hätten ...

Aber wie gesagt – einmal Kinofamilie, immer Kinofamilie ...

Einmal durchgeknallt, immer durchgeknallt ..

Die einen machen halt die Weltreisen, und die anderen bemühen sich darum, Kultur ins Dorf, in die Stadt zu bringen.

Und nun sind wir also wieder da.

Das kleine gallische Kino im großen römischen Cinepleximperium.

5000 m2 Beton können wir Ihnen nicht bieten, ebensowenig wie den Blick auf 500 parkende Autos, wenn Sie bei uns im Cafe sitzen. Und keinen Mac Donalds und kein Riesen-Einkaufszentrum.

Und darauf sind wir stolz.

Wir haben keine grüne Wiese verbaut und nichts mit Beton versiegelt, wir haben das Kino dort gelassen, wo es war und wo es hingehört – im Zentrum der Stadt.

Wir wollen eigene Wege gehen und sind der Überzeugung - oder sagen wir so - wir hoffen zumindest, dass das kein Irrweg ist. Wir wollen ein kleines feines persönliches Kulturkino sein, ein Kino, wo Sie, die Zuschauer, ein Name sind und keine Reservierungsnummer. Wo Sie sagen können: Oli, ich komme später, heb mir bitte die Karten auf – und die reservierten Karten werden für Sie aufgehoben!

Getränke in Aludosen werden Sie bei uns auch in den nächsten Jahren nicht vorfinden. Wir versuchen, so weit wie möglich, nachhaltig zu wirtschaften.

Eines möchte ich auch noch ansprechen: Von jungen Leuten hat man immer wieder gehört, es gäbe keine Gastronomie im Kino Oberpullendorf – was immer das auch bedeuten mag ... Nun haben wir also eine neue Popcornmaschine angeschafft, und wir bieten auch burgenländische Produkte an, wie zum Beispiel das Kobersdorfer Schlossbier oder Apfelsaft vom Rohrer, oder – wie schon immer – die burgenländischen Adebar Chips.

(Und nebenbei auch „geistige“ Nahrung und kunsthandwerkliche Produkte, wie Bücher von Jutta Treiber und Holztiere von Walter Supper.)

Aber zum Thema Gastronomie noch ein Nachsatz:

In Sichtweite des Kinos gibt es: das Caferestaurant Kraill, die Konditorei Ex samt Eissalon, das Habedere samt Hotel Schlof Guat, das Zacapa. In Gehweite gibt es das Sporthotel und Tenniscenter Kurz, das Gasthaus Domschitz, das Venezia, die Schmyede, das Chili, Bread and Butter, Alis Restaurant, das Stadtcafe, und den Heurigen Josefischenke zur Michi! Also wenn das keine Gastronomie ist, dann weiß ich auch nicht ... Aber man muss halt ein paar Schritte an der frischen Luft gehen ...

Unser großer Dank gilt neben den offiziellen Förderstellen vor allem Ihnen, unserem treuen Publikum. Da war so viel Ermunterung, die wir erfahren haben, so viel Begeisterung, dass das Kino wieder geöffnet wird, so viel Zuspruch, dass es das Richtige ist und dass das Konzept aufgehen wird. Ohne Ihren Zuspruch, ohne Ihre Begeisterung hätten wir diesen Schritt wahrscheinlich nicht gewagt!

Dafür sagen wir: DANKE – DANKE – DANKE.

Wir bitten Sie weiterhin um Ihre Treue. Ohne Publikum kann das Kino nicht bestehen. Denn die Begeisterung des Publikums ist das Feuer, aus dem der Veranstalter sich nährt. Und wenn wir – aufgrund unserer Kleinheit – manche Filme ein bisschen später spielen als in der Uraufführung, so gebe ich zu bedenken, dass ein Film kein verderbliches Lebensmittel ist und daher in zwei Wochen nicht schlecht wird. Geben Sie uns eine Chance. Bitte!

Damit Oberpullendorf noch lange ein Kino hat!


 


Wolken hatten sich aufgetürmt. Geballte Wolken, die über den Abendhimmel zogen, ein bizarres Schauspiel, schwarz und violett. Der Wind war stärker geworden. Franka zippte die Lederjacke zu, summte leise vor sich hin, laut wagte sie nicht zu singen, die Dunkelheit und die Wolken waren beängstigend. Franka schritt schneller aus. In zwei Minuten würde sie zu Hause sein.
Auf einmal stand er da. Als wäre er lautlos aus dem Gebüsch geglitten. Durch Frankas Körper zuckte ein Blitz. Der Mann war groß. Oder ließ ihn nur Frankas Angst so groß erscheinen? In der Dunkelheit konnte sie sein Gesicht nicht ausnehmen, nur die Augen waren hellere Punkte.
Ich gehe ruhig und mit festem Schritt an ihm vorbei, dachte Franka, nur ängstliche, hilflose Frauen werden überfallen, ich zeige keine Angst, ich schaue ihn nicht an, ich gehe mit festem Schritt an ihm vorbei, mit festem Schritt...
Der Mann stand still. Franka ging an ihm vorbei. Sie atmete auf. Hirngespinste. Vielleicht hatte sie den Mann ebenso erschreckt wie er sie.
Da spürte sie seine Hände auf ihrem Hals. Er drückte zu. Fest. Franka wollte schreien, aber kein Ton drang aus ihrer Kehle. Franka erstarrte. Das ist nicht wahr!, dachte sie. Das erlebe ich nicht wirklich. Das ist ein böser Traum, aus dem ich sofort erwachen werde. Das ist ein Film, das ist Kino, das bin nicht ich, das ist alles nicht wahr. Sie rang nach Luft, unfähig sich zu wehren. Der Mann warf Franka zu Boden, kollerte mit ihr den Weg hinunter, ihr Kopf schlug mehrere Male gegen die Gehsteigkante, aber Franka spürte keinen Schmerz.
Ringsum nur noch Gräber. Der Mann hatte den Würgegriff nicht gelockert, Franka rang nach Luft, in ihrem Körper brannten tausend Feuer, ihre Lunge drohte zu zerspringen. Plötzlich wusste Franka, dass sie sterben würde. Hier und jetzt.
Morgen werden sie mich hier finden, dachte sie. Und: Ich werde meine Eltern nicht wiedersehen. Und: An dieser Stelle beende ich nun mein Leben. Und: Sterben ist leicht.
(aus Vergewaltigt)

Zwischen Schilf ein blauer Himmel. Die Föhren, die das andere Ufer säumten, spiegelten sich im Wasser. Wenn die Sonne schien, lag das Bild eines blauen Seidenhimmels darin. Aber dieser graue Himmel konnte nichts ausrichten. Der blaue See war heute grün. Sie war hierher gekommen, denn sie hatte es zu Hause nicht mehr ausgehalten. Hatte das Gefühl gehabt, dass ihre Haut platzen würde. Weg, nur weg. Gehen. Laufen. Irgendeine Art von Fortbewegung. Sie war mit dem Rad gefahren, schnell. Die wenigen Kilometer aus dem Dorf, das sich Stadt nannte, auf der Landstraße, und dann den Forstweg entlang zum blauen See. Hatte gekeucht, als sie abgestiegen war. War den lehmigen Weg durchs Dickicht gegangen, hatte sich an den Rand des Wassers gesetzt. Beruhigte sich allmählich, keuchte nicht mehr so schwer. Auf dem Wasserspiegel tanzten Schattenbilder. Als sich im Teströrchen ein kleiner roter Ring abgezeichnet hatte, war in ihrem Inneren eine Tür zugefallen und ein schwerer Riegel hatte sich vorgeschoben. Lebenslänglich! Plötzlich hatte sie Mauern um sich wachsen gefühlt, die sie von allem trennten, was ihr Leben bisher ausgemacht hatte. Nie wieder würde irgendetwas so sein wie bisher. Im ersten Moment hatte sie sich einer trügerischen Hoffnung hingegeben. Ein Test war nicht hundertprozentig sicher. Sie machte die Augen zu, löschte alle Bilder im Kopf. Schaute wieder auf das Teströhrchen. Der rote Ring war da. Sie war nicht enttäuscht, weil sie die Täuschung schon vorher als solche erkannt hatte. Noch nie hatte sie sich so einsam gefühlt. Sie saß wie versteinert auf dem Boden. War lange Zeit unfähig sich zu rühren. Kauerte sich zusammen, schlang die Arme um die Beine, wiegte sich hin und her. Ihre Wangen brannten, sie drückte ihr Gesicht gegen die Knie. Und plötzlich war diese Unruhe in ihr aufgestiegen, und Gisela hatte das Gefühl gehabt, ihre Haut müsse platzen. Und war dem Gefühl davongelaufen. Davongefahren. Ein Frosch zappelte im See, das Wasser kreiselte. Wind strich durch das Schilf. Wenn der See blau gewesen wäre, hätte er vielleicht mehr Trost geben können. Aber der graue Himmel hatte wenig Kraft. Sie war schon oft hierher gekommen, an den blauen See, der versteckt im Wald lag. "Mein blauer See", hatte sie oft gedacht und sich gewundert, als sie einmal auch andere Leute dort gesehen hatte. Jetzt war Gisela allein. Sie nahm einen flachen Stein, warf ihn übers Wasser. Wenn er zweimal aufspringt, geht alles gut, dachte sie und wusste selbst nicht, was gut gehen sollte. Der Stein hüpfte einmal auf und versank. Die Baumwipfel bewegten sich stärker im Wind. Die Wolken waren dunkler geworden. Regentropfen tauchten ins Wasser. Wenn Gisela nicht klatschnass werden wollte, musste sie jetzt gehen. Konnte sie der Mutter gegenübertreten, ohne sich zu verraten? Die Mutter bemerkte jede Veränderung, jede Stimmungsschwankung. Du hast irgendwas, sagte sie. Und ließ nicht locker, bis Gisela ihr gesagt hatte, was sie bedrückte. Früher hatte sie das als angenehm empfunden, erleichternd, doch mehr und mehr empfand sie es als Kontrolle. Gewissenspolizei. Sie war siebzehn und hatte ein Recht auf ein eigenes Leben. Doch wie weit würde es jemals noch ihr eigenes Lebens ein? Sie schaute auf die Uhr, wunderte sich, wie kurz die Zeit gewesen war, die sie am blauen See zugebracht hatte. Ging durchs Dickicht zurück zum Forstweg, wo sie ihr Rad abgestellt hatte. Ein grüngrauer Jeep fuhr vorbei, und Giselas Stimmung sank wieder. Wegen eines vorbeifahrenden Jeeps, das war lächerlich. Dennoch, es schien ihr, als hätte der Jeep den kleinen Trost, den der See hatte geben können, wieder fortgenommen. Sie bog in die Landstraße ein. Autolärm und Abgasgeruch schlugen ihr entgegen. Ich werde der Mama nichts sagen, dachte Gisela, während das Rad die Straße entlangrollte. Heute nicht. Ich werde niemandem etwas sagen, Georg am allerwenigsten. Die Sache geht ihn nichts mehr an, das ist meine Angelegenheit. Ich hasse ihn!, dachte sie und erschrak bei dem Gedanken. Ich werde nichts sagen. Bis ich mir selbst im Klaren bin. Wenn man Gedanken abstellen könnte! Abschalten wie einen Fön, damit sie aufhören würden zu surren und einem den Kopf heiß zu machen. Ich will nichts mehr denken. Ich will nichts mehr denken. Ich will nicht... Sie trat fester in die Pedale.
(Der blaue See ist heute grün)

Ich sage Amerika, obwohl man das nicht dürfte, denn die USA sind nicht Amerika. Aber das Wort gefällt mir einfach besser, es hat einen ganz anderen Klang. Es hat überhaupt einen Klang. USA klingt nach gar nichts.
Und "in die Staaten" fahren sowieso nur arrogante Leute. Die, die "Big Apple" sagen statt New York und "L.A." statt Los Angeles und "Vegas" statt Las Vegas. Und schließlich fahren die Amerikaner ja auch nach Europe und es ist ihnen schnurzegal, ob sie damit London, Rom oder Oberpullendorf meinen.

(aus: Felsen küssen mit der Nase)


Nur nicht an die Erinnerung tippen, denke ich manchmal, und dann ist es schon zu spät. Der Schmerz ist ein Brandeisen auf nackter Haut. Es bleiben Male. Eine Zeitlang halten sie scheinbar still, aber dann, aus keinem offensichtlichen Grund, vielleicht nur wegen einer sanften Berührung, beginnen sie wieder zu schmerzen, und du weißt genau, was du gefühlt hast, als das Brandzeichen aufgedrückt wurde. Später, viel später, kommt der Schmerz mit eisiger Kälte daher. Bahnt sich ein Geflecht aus Eiskanälen. Splittert Herzen.
(aus: Solange die Zikaden schlafen)

Ein Kind, ein zorniges Kind. Ich weinte und tobte und Mutter ging weg und ließ mich stehen. Da fing ich erst recht zu brennen an. Ich habe mir gedacht: Wenn ich einmal Kinder habe, werde ich nicht wegrennen, wenn sie zornig sind. Ich werde bei ihnen bleiben, sie umarmen und ihren Zorn kühlen. Umarmungen sind eine Erste-Hilfe-Maßnahme für fast alle Krankheiten und ein Heilmittel für viele. Wenn jemand dich stehen lässt wie ein dummes kleines Kind, bist du machtlos. Genau darum geht es. Um Macht und Ohnmacht. Der davongeht und den anderen stehen lässt, hat die Macht. Der andere hat den Zorn, die Ohnmacht und die Sprachlosigkeit.
(aus: Herz- und Beinbruch!)



RAZ COM

Direktor (zur hereintänzelnden Sekretärin): Bitte, nehmen Sie Platz! Ich habe Ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen.
Sekretärin: Ich bin ganz Ohr.
Direktor: OHR ist gut, meine Liebe. OHR ist sehr gut. Drei Buchstaben! Darum geht es. Genau genommen geht es um Fortschritt. Sie wissen ja, der Fortschritt schreitet unaufhaltsam fort. Nicht einmal vor der Schule macht er halt. Es geht, meine Liebe, um die Einführung eines rationellen Kommunikationssystems an unserer Schule. RAZ COM, wenn Sie das bitte notieren.
Sekretärin (notiert): Ratz, komm!
Direktor: Die deutsche Sprache – Götz hab’ sie selig – ist zu lang, als dass sie Informationen – von nun an IFOS – schnell genug transportieren könnte. Daher wurde bei der letzten Direktorentagung – DIR TAG – beschlossen, in Zukunft nur mehr Wörter zu gebrauchen, die eine Buchstabenanzahl von drei nicht – oder nur geringfügig – überschreiten. Oder – einfacher ausgedrückt: Drei gut – mehr schlecht. Wenn Sie das, bitte, notieren!
Sekretärin: ICH NOT. DREI GUT. MEHR SCHLECHT.
Direktor: Sie selbst, meine Liebe, werde ich mit SEK ansprechen. Nur in Ausnahmefällen werde ich SEKI zu Ihnen sagen. (Er geht verführerisch auf sie zu und wiederholt mit dunkler Stimme) SEKI! (Dann wird er wieder geschäftlich): Ich selbst bin mit HER DIR anzusprechen. Nur in Ausnahmefällen dürfen Sie DIRILI zu mir sagen. Aber diese IFO brauchen Sie an die Lehrer nicht weiterzugeben.
Sekretärin: LER NIX DIRILI – NUR SEKI DIRILI.
Direktor: Nun weiter! ‚Achtung, eine Durchsage’ heißt ...
Sekretärin (kichernd): Ach, ein Stuss!
Direktor (empört): ACH, EIN DUS! (Er erhebt den „Tadel-Zeigefinger“.)
Klassenzimmer heißt KLAZI, Tafel heißt TAF, aber das ist nicht so WICH, denn Overheadprojektor heißt OPA. Musiksaal heißt MUS, Zeichensaal ZUS, Physiksaal FUS, Chemiesaal KUS und WC KLO. Konferenzzimmer heißt KOZ und Putzfrau PUF.
(Die Sekretärin kichert, der Direktor schaut tadelnd.)
Direktor: SEKI! Hören Sie doch zu! Nun kommen die wichtigsten Phrasen für die Lehrer:
‚Beeil dich’ heißt ZAK ZAK. ‚Nicht schwätzen’ heißt PST. ‚Du Trottel’ heißt DEP. DEP heißt auch ‚Setzen, Nichtgenügend’. Haben Sie das notiert?
Sekretärin: JA, DIRILI, ICH NOT.
Direktor: Brav! BAV! BAV! Was noch? ‚Das hast du gut gemacht’ – das sagen Lehrer manchmal – heißt TOL.
Sekretärin: PST DEP BAV TOL PST DEP BAV TOL PST DEP.
Direktor: SEKI! Seien Sie nicht so albern.
Nun die Unterrichtsfächer: Religion heißt GOT, Deutsch GERM, Englisch ENG, Französisch FRAZ, Latein heißt AVE – nicht zu verwechseln mit AU WEH, was ‚Schularzt’ bedeutet. Bildnerische Erziehung heißt BIR, Geografie GAF, Biologie AFF, Physik UFF, Chemie BUM, Leibesübungen WUM und Geschichte BLABLA.
Sekretärin: BLABLA DIRILI ...
Direktor: Etwas hab’ ich vergessen: ‚Ich unterrichte’ heißt FAD.
Sekretärin: FAD DIRILI BLABLA.
Direktor: Bevor Sie gehen – BEV SIE GEH – werde ich prüfen, ob Sie alles verstanden haben und ob Sie auch fähig sind, die neue RAZ COM selbständig anzuwenden. Was heißt: ‚Die Kolleginnen Toman, Breitner und Cutschek unterrichten Leibesübungen’?
Sekretärin: TBC FAD WUM.
Direktor: BAV, BAV! Was heißt: ‚Die Schüler rauchen im WC’?
Sekretärin: SÜL AM KLO PAF PAF.
Direktor: SER GUT. Was heißt: ‚Die Putzfrauen reinigen die Schule vorbildlich’?
Sekretärin: PUF RÄUM ZAM SER BAV:
Direktor: TOL. Und was heißt: ‚Ich gehe zum Schularzt’?
Sekretärin: ICH GEH AU WEH.
(Plötzlich springt die Sekretärin auf - sie hat sich darauf besonnen, dass sie ein Mensch ist und keine Maschine) Ich geh!
Direktor (ziemlich verblüfft) Au weh!
aus: Jutta Treiber - Fleckerlteppich, edition lex liszt 12, 2008

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Mit einem Mal nimmt Julia wieder etwas wahr. Schwarze Samtvorhänge, mit denen die Wände verkleidet sind. Sie wirken vornehm und Furcht erregend zugleich. Die Kommission sitzt an zwei langen, schräg zusammengestellten Tischen, in der Mitte Peter Benneton. "Was wirst du uns vorsingen, Julia?", fragt er. "Maybe this time - aus Cabaret ", hört sich Julia sagen, wie von weit weg, ganz fremd klingt die eigene Stimme, "und Wart's nur ab, Henry Higgins - aus My Fair Lady ." "Bitte!", sagt Peter Benneton. ... Julia  tritt zögernd zwei Schritte vor, schaut kurz zum Korrepetitor, der nickt und beginnt zu spielen. Julia singt: Maybe this time I'll be lucky, maybe this time I'll stay, Maybe this time for the first time love won't hurry away  ... Something's bound to begin, It's got to happen, happen sometime, Maybe this time I'll win. Die Kommission schweigt. "Wenn sie klatschen", hat irgendwer draußen gesagt, "hast du schon gewonnen."  Sie klatschen nicht. Sie haben auch bei Nummer 1 bis 4 nicht geklatscht. ... Hastig packt Julia ihre Noten zusammen. "Auf Wiedersehen, Julia", sagt Peter Benneton. "Auf Wiedersehen", sagt Julia leise und fügt in Gedanken "hoffentlich" hinzu.
(aus Julia spielt Julia)
   





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